Übergänge

Das ganze Leben organisiert sich in Übergängen.

Betrachten wir die Natur, sehen wir zwischen Wiese und Wald eine Übergangszone, die ungeordnet scheint, aber speziellen Tier - und Pflanzenarten Heimat bietet.

Der Frühling schafft den Übergang zum Sommer und der Herbst vereint ein bisschen Sommer und auch schon die Kälte des Winters in sich.

Tiere wechseln Felle, Pflanzen blühen, tragen Früchte um dann zu verblühen und alle Blätter zu verlieren.

Wir Menschen erleben auch Übergänge. Den Übergang vom Mutterleib in diese Welt kennen wir wohl nur noch vom Hörensagen. Hingegen können sich viele noch an die Pubertät erinnern. An diesen “nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsenen”, den wir damals waren. Und ans Gefühlschaos, dem wir ausgesetzt waren. Weitere Übergänge werden folgen: Die Wechseljahre, der Übergang ins Rentenalter und schliesslich der Übergang vom Leben in den Tod.

Die folgenden Gedichte von mir zeigen meine Auseinandersetzung mit Übergängen:

November Leere - Ehrfürchtig betrachten/ Kälte- Akzeptieren, frierend/ Jetzt an den Sommer denken?/ Oder ihn aushalten, den Winter?/ Schönes Erkennen in der Stille?

Unterwegs Entdeckend und mit Neugier/ Gelände erforschen/ In mir/ Neue unbekannte Welt/ Ohne zu bewerten was ich sehe/ Ohne zu verdrängen was sich zeigt/ Neuer Kosmos

Tod Mit viel Schmerz zurückgeblieben/ Ohne dich/ Fragen, die mir keine Ruhe lassen/ Warum du?/ Unsichere Schritte in die Zukunft/ Dir entgegen

Auch als Individuen durchleben wir viele Übergänge: Vielleicht wechseln wir die Stelle oder in die Selbständigkeit, eine Beziehung zerbricht, ein Mensch stirbt oder wir sind nicht mehr gesund. Oder wir sind plötzlich reich, berühmt oder haben eine bahnbrechende Erkenntnis.

Auch die Gesellschaft durchläuft epochale Übergänge. Von einem magischen in ein rationales Bewusstsein zum Beispiel. Am Ende eines solchen Übergangs passieren immer ähnliche Dinge:

  • Menschen zerstören die Lebensgrundlage
  • Menschen führen Kriege

Übergänge sind Zeiten der Unsicherheit. Sie können Zeiten der Läuterung, der Klärung sein. Und vielleicht sogar die Geburtsstunde von guten Ideen.

Manchmal sind sie jedoch auch schwer zu akzeptieren und es braucht Trauer, bevor wir weitergehen können.

Was trägt uns durch solche Zeiten?

  • Vertrauen darauf, dass es irgendwie weitergehen wird
  • Hoffnung, dass es einen Weg geben wird, den wir gehen können
  • Akzeptanz von dem, was sich nicht ändern lässt
  • Liebe: Sie lässt uns spüren, dass wir erwünscht sind, auch wenn wir selber zweifeln
  • Lebendigkeit: Gedanken und Gefühle, die erwidert werden, Resonanz finden.

Ich habe auch schon einige Übergänge erlebt. Schöne und schwierige. Ich kann mich an die Unsicherheit erinnern in diesen Zeiten und auch an ein anderes Bewusstsein der Zeit. Das Leben war intensiv, verlief in die Tiefe, nicht linear. Waren die Übergänge mit Verlust verbunden, erinnere ich mich auch an viel Trauer, aber auch an sehr viel Kreativität. Insofern kann ich dem Buch und seinen Beschreibungen zustimmen: Übergänge gehören zur Natur. Auch zur menschlichen. Und nach dieser Orientierungslosigkeit, dem Chaos findet man wieder zu sich. Zu dem, was man geworden ist. Das Zitat von Anais Nin beschreibt für mich diese schmerzhafte und trotzdem schöne Neuwerdung: “Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde als das Risiko, zu blühen.“

Und auch dieses Zitat liebe ich: “Ich setzte meinen Fuss in die Luft und sie trug." Hilde Domin

Betrachte ich die Erde, überkommt mich Trauer. Das Buch zitiert einige Wissenschaftler und Pioniere und es ist auch für mich offensichtlich: Die Gesellschaft kann so nicht mehr weiterleben. Wir dürfen nicht mehr festhalten an liebgewonnenen Gewohnheiten, die schlussendlich diese Welt zu Grunde richten. Und trotzdem gibt es Hoffnung. Die Welt wird so nicht mehr weiterexistieren. Aber sie wird noch weiterexistieren. Oder wie es Paul Kingsnorth und Dougald sagen: “Das Ende der Welt, die wir kennen, ist nicht das Ende der Welt. Punkt." Gehen wir es an. Gemeinsam. Keine Ahnung wie das gehen soll. Aber es wird gehen. Punkt.

Auch die Schule ist in einem Übergang. Ich sehe sehr vieles, was nicht mehr funktioniert und Lehrpersonen, die festhalten an der Art von Unterricht und Struktur, wie sie sie gelernt haben und wie es ja vermeintlich so gut funktioniert hat. Ich wünsche diesen Lehrpersonen, dass sie akzeptieren können, dass die Schule, die sie so gerne mochten nicht weiterexistieren wird. Ich wünsche ihnen, dass sie Orte aufsuchen und über ihre Gefühle sprechen und trauern und dann offen sind, Schule neu zu denken. Ich wünsche mir, dass Ausbildungsstätten die Zeichen der Zeit richtig deuten und mutig Studienpläne auf den Kopf stellen und sich orientieren an einem wagen Bild von zukünftiger Schule, die sich hie und da und am Rande abzeichnet. Und ich freue mich, dass in diesem Übergang sehr viele Ideen Gestalt annehmen.

Ich weigere mich, sie aufzugeben, die Idee von Bildung. Und ich weigere mich genau so, mir die neuen Ideen “in alten Schläuchen” vorzustellen.

Ich hoffe und vertraue darauf, dass es weitergehen und Wege geben wird.